Willensfreiheit
Das Thema Willensfreiheit kommt alle Jahre (Monate) wieder in den Medien hoch. Im Rahmen der Einheit ‘Mensch sein’ wird es im baden-württembergischen Bildungsplan in der Kursstufe behandelt.
Drei aktuelle Artikel dazu können für einen sehr guten Kurs (oder als Hintergrundinfo für den Lehrer) interessant sein.
1. Haltet den geborenen Dieb! Muss das Strafrecht geändert werden, weil Hirnforscher die Möglichkeit von Freiheit, Schuld und Verantwortlichkeit bestreiten? Ein Plädoyer für reife Rationalität. Von Winfried Hassemer (ehemaliger Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts). Erschienen in der FAZ vom 15. Juni 2010.
2. Haltet den Richter! Eine Replik auf den Hassemer-Artikel von Gerhard Roth und Grischa Merkel aus Sicht des Hirnforschers. Erschienen in der FR vom 26. Juni 2010.
3. Stillschweigende Hirngespinste. Eine Stellungnahme aus philosophischer Sicht von Peter Janich, emeritierter Professor für Philosophie der Uni Marburg, erschienen in der FR vom 12. Juli 2010.
Im Bildungsplan (Lehrplaneinheit ‘Mensch sein’) stehen bei mir ausdrücklich auch “Grundfragen der Anthropologie als Wissenschaft”. Dort kann dann auch neurologische Forschung thematisiert werden (im zweistündigen Kurs). Im vierstündigen Kurs sind dagegen Sartre, Skinner, Rousseau und Hobbes vorgeschrieben.
Aus Schülersicht kommt man wohl kaum um eine gewisse Denkanstrengung herum. Warum also nicht aktuelle Beiträge mit den ‘Klassikern’ konfrontieren?



Eine Augsburger Kollegin von Ihnen fand meinen kurzen “Beweis der Existenz der Willensfreiheit” hier interessant und hilfreich. (Text a. hier)
In der Philosophie wird ein “fähigkeitsbasiertes” und damit psychologisch interessantes, weil den psychischen Gegebenheiten am meisten entsprechendes Verstsändnis von WF von dem Berliner Philosoph Geert Keil vertreten: in seiner Monographie “Willensfreiheit” (2007) und neuerdings v.a. in seinem Taschenbuch “Willensfreiheit und Determinismus” (2009).
Psychologisch gesehen geht es dabei um die Fähigkeit zur Willensbildung. Sie ist “volitionspsychologisch bislang allerdings nur bis zum sog. “Rubikonmodell der Handlungsphasen” ausgearbeitet worden, in dem sämtliche Denkleistungen vor der dort ersten “Abwägungsphase” außer Betracht bleiben.
Das ist deswegen bedauerlich, weil dadurch nicht erkennbar wird, wovon wir uns durch handlungsrelevante Nutzung unseres traditionell “geistig”, heute eher “kognitiv” genannten Vermögens zu denken – statt wie Tiere und Kleinkinder reflexartig zu reagieren – “frei” machen.
Vielleicht noch diese Hinweise auf aktuelle Publikationen zu “Grundfragen der Anthropologie als Wissenschaft”:
“Beiträge zu einer aktuellen Anthropologie” wurden unter der Herausgeberschaft von H.-R. Duncker 2006 im Stuttgarter Steiner-Verlag veröffentlicht.
Der hier auch vertretene Philosoph Peter Janich hat speziell zu den Beiträgen aus der Hirnforschung vergangenes Jahr als Nr. 21 der ‘edition unseld’ auch den Beitrag “Kein neues Menschenbild – Zur Sprache der Hirnforschung” publiziert. Die bei uns kaum bekannt gewordenen Ergebnisse der begriffskritischen Untersuchungen des australischen Hirnforschers Max Bennett und englichen Wittgenstein-Experten Peter M.S. Hacker wurden jetzt u.d.T. “Philosophische Grundlagen der Neurowissenschaften” in der Darmstädter WBG in deutscher Übersetzung herausgebracht; dabei ist bemerkenswert, dass der Suhrkamp-Verlag kurz darauf auch noch die Diskussion der Ergebnisse beider Analysen unter den Titel “Neurowissenschaft und Philosophie – Gehirn, Geist und Sprache ” publiziert hat. (Der von Dieter Sturma 2006 als stw 1770 hrsg. Suhrkamp-Reader “Philosophie und Neurowissenschaften” enthält wichtige Beiträge der deutschsprachigen Diskussion dazu. In der FAZ sind übrigens – außer zum ersten – ausgezeichnete Rezensionen der genannten Bücher erschienen.)