Ratestunde. Oder – Was lernen wir aus der Geschichte?
Erste Frage: Wer sagte:
15. Es steht jedem Menschen frei, diejenige Religion anzunehmen und zu bekennnen, die man, vom Lichte der Vernunft geführt, für wahr erachtet.
42. In einem Gesetzeskonflikt beider Gewalten hat das bürgerliche Recht Vorrang.
Und? Nein, Kommentar zum Grundgesetz ist falsch.
Margot Käßmann? Nein, auch falsch.
Die richtige Antwort lautet Papst Pius IX. Das sind zwei von 80 Sätzen und Aussagen, die Pius IX. in einem Syllabus als falsch verurteilen ließ. Herausgegeben wurde diese Textsammlung am 8. Dezember 1864. (vgl. DH 2915 und 2942).
Zweite Frage: Wer sagte:
1. Wir werden uns bemühen, so zu leben wie die Menschen um uns her üblicherweise leben, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel und allem, was sich daraus ergibt.
3. Wir werden weder Immobilien oder Mobiliar besitzen noch mit eigenem Namen über Bankkonten verfügen; und alles, was an Besitz notwendig sein sollte, auf den Namen der Diözese bzw. der sozialen oder caritativen Werke überschreiben.
5. Wir lehnen es ab, mündlich oder schriftlich mit Titeln oder Bezeichnungen angesprochen zu werden, in denen gesellschaftliche Bedeutung oder Macht zum Ausdruck gebracht werden. (Eminenz, Exzellenz, Monsignore…). Stattdessen wollen wir als “Padre” angesprochen werden, eine Bezeichnung, die dem Evangelium entspricht.
6. Wir werden in unserem Verhalten und unseren gesellschaftlichen Beziehungen jeden Eindruck vermeiden, der den Anschein erwecken könnte, wir würden Reiche und Mächtige privilegiert vorrangig oder bevorzugt behandeln (z. B. bei Gottesdiensten und bei gesellschaftlichen Zusammenkünften, als Gäste oder Gastgeber).
10. Wir werden alles dafür tun, dass die Verantwortlichen unserer Regierung und unserer öffentlichen Dienste solche Gesetze, Strukturen und gesellschaftlichen Institutionen schaffen und wirksam werden lassen, die für Gerechtigkeit, Gleichheit gesamtmenschliche harmonische Entwicklung jedes Menschen und aller Menschen notwendig sind. Dadurch soll eine neue Gesellschaftsordnung entstehen,die der Würdes der Menschen- und Gotteskinder entspricht.
Nein, keine weiteren von Pius IX. als Irrtümer verurteilten Aussagen.
Nein, Westerwelle ist auch falsch.
Das sind Zitate aus dem Katakombenpakt, einer Selbstverpflichtung katholischer Bischöfe – für eine dienende und arme Kirche.
Mehr als hundert Jahre Erkenntnisfortschritt liegen zwischen den Texten. Doch 1965 scheint irgendwie in der Zukunft zu liegen, so scheint es manchmal, wenn man einen kleinen kirchlichen Reality-Check macht.
Lange Vorrede, nun wird es ernst.
- Wer noch nicht vergessen hat, dass es mal ein Vatikanum II. gegeben hat,
- wer die Beschlüsse von damals immer noch für interessant hält,
- wer der Überzeugung ist, dass Konzilsbeschlüsse nicht einfach selektiv anerkannt oder weggeklickt werden können,
- wer also katholisch ist,
kann auf der Webseite konzilsvaeter.de interessante Infos zu einigen Bischöfen finden, die am Zweite Vatikanischen Konzil beteiligt waren. Textbeiträge, Audios, Fotos und einige Videos laden zum Rumstöbern ein. Vielleicht weniger direkt für den Unterricht verwertbar (evtl. in der Kursstufe bei der Kirchen-Einheit), aber auf jeden Fall für so eine Art theologisches Retro-Erlebnis der angenehmen Art
Manche Aussagen der vorgestellten Bischöfe scheinen unendlich weit von der aktuellen Stimmung in der Kirche entfernt zu sein.
Was lernen wir aus der Geschichte? Dass wir aus der Geschichte nichts lernen? Ja. Aber auch, dass es schon schlimmere Zeiten gegeben hat und Gott diese Kirche anscheinend trotzdem nicht aufgegeben hat. Katholisch sein heißt auch, über Langmut und Ausdauer zu verfügen
Lesetipp: 1 Thess 5,16-22.
Danke an Thomas Belke von der Mediathek Freiburg für den Hinweis auf die Konzilsväter-Seite.


